Baselitz. Biografie
Nach Kindheit, Schule und Abitur in seiner Oberlausitzer Heimat begann er 1956 ein Studium der Malerei an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Weißensee (Ost-Berlin) bei Prof. Womacka. Bereits hier zeigte sich seine individuelle Persönlichkeit, die so gar nicht den sozialistischen Vorstellungen der DDR entsprach. Dies führte zum Verweis von der Hochschule wegen "gesellschaftlicher Unreife". 1957 setzte er sein Studium an der Hochschule der bildenden Künste bei Professor Hann Trier in West-Berlin fort, dem 1958 der endgültige Umzug nach West-Berlin folgte. Hier setzte er sich verstärkt mit den Theorien von Wassily Kandinsky, Ernst Wilhelm Nay und Kasimir Malewitsch auseinander. Er reiste nach Paris und Amsterdam und beschäftigte sich mit Antonin Artaud, Jean Dubuffet und der Kunst von "Geisteskranken" (Sammlung Prinzhorn).1961 nahm er den Künstlernamen Georg Baselitz an, angelehnt an seinen Geburtsort. Gemeinsam mit seinem Kollegen Eugen Schönebeck gestaltete er eine Ausstellung in Berlin und veröffentlicht das (später so genannte) 1. Pandämonische Manifest, 1962 veröffentlichten beide das eigentliche Pandämonium (2. Pandämonisches Manifest). Aber auch im "Westen" entsprachen seine Werke nicht den gesellschaftlichen Werten und Normen, was 1964 zum Eklat führte. Seine Bilder "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann" lösten während seiner ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Werner & Katz einen Skandal aus und wurden beschlagnahmt. 1964 erhielt er den Villa-Romana-Preis und verbrachte das Frühjahr 1965 in Florenz.
1969 malte Baselitz mit "Der Wald auf dem Kopf" sein erstes namhaftes Bild in der Motivumkehr. Dem folgte 1970 in der Kölner Galerie Franz Dahlem die erste Ausstellung, in welcher ausschließlich "kopfstehende" Bilder zu sehen waren. 1971 zog er nach Forst an der Weinstraße. Vier Jahre später, 1975, zog er ins Schloss Derneburg bei Hildesheim. 2004 erhielt Baselitz den Praemium Imperiale Award. 2006 verkaufte er Schloss Derneburg an den US-amerikanischen Kunstsammler Andrew J. Hall und zog an den Ammersee in Oberbayern.
Er ist der Vater der Galeristen Daniel Blau und Anton Kern.
Text: Wikipedia
Bild: Der Künstler Baselitz in seinem Atelier
Fotograf: Lothar Wolleh
Baselitz. Künstlerisches Schaffen
Baselitz prägte mit seinen Werken die moderne Malerei ab 1960. Mit teils obszönen Darstellungen, vor allem Anfang der 1960er Jahre, wirkte er stark provokativ, allerdings erst, nachdem er 1957 sowohl die Kunsthochschule Berlin-Weißensee und schließlich die DDR wegen "staatsbürgerlicher Unreife" verlassen musste. Sein Bild "Die große Nacht im Eimer" (1962/1963; Museum Ludwig, Köln), das einen Jungen nach dem Onanieren darstellt, ist sein bekanntestes Werk dieser Zeit.Seine Bilder sind von einer groben Malweise geprägt. Seine "Heldenbilder" wie "Die großen Freunde" (Museum Ludwig, Köln) der 1960er Jahre, sind typische Beispiele. Mitte der 60er Jahre fängt Baselitz an, die Bildmotive in Streifen zu zergliedern und neu zusammenzufügen; seine sogenannten Frakturbilder. Dies führte u.a. 1969 zur Motivumkehr mit seinem Bild "Der Wald auf dem Kopf".
Mit den "auf dem Kopf" stehenden Bildern wurde er ab Mitte der 1970er weltweit berühmt. Seine Werke hingen und hängen bei fast allen namhaften internationalen Ausstellungen und Museen. Wie auch in seinen früheren Werken wollte er dem Betrachter die Eigenständigkeit der Malerei gegenüber der herkömmlichen Wirklichkeit vor Augen führen. Mit dem Umdrehen seiner Bilder nahm er dem Bild seinen Inhalt, machte also den Bildgegenstand gegenstandslos und damit abstrakt. Durch das "auf den Kopf stellen" seiner Werke konnte er den Betrachter direkt mit der Organisation von Farbe und Form auf der Bildfläche konfrontieren, unabgelenkt vom persönlichen Inhalt des Bildes. Auf diese Weise inhaltsleer geschaffen, sind Baselitz' Bilder nicht interpretier-, sondern lediglich betrachtbar. Der Künstler zählt Picasso, Alberto Giacometti, Josef Beuys und auch die expressionistischen Maler der Künstler-Vereinigung Die Brücke zu seinen Vorbildern.
Hierbei ist bedeutsam, dass Baselitz bereits die Komposition des Bildes auf dem Kopf stehend anlegt und dieses dann ebenso malerisch ausführt. Oft finden sich auch Spuren seiner Finger oder Fußabdrücke in den Bildern. Da es aufgrund der Größe der Formate schwierig für Baselitz ist, alle Bereiche gleichmäßig zu erreichen, läuft er einfach ins oder über das Bild.
Zwischen 1998 und 2005 erstellte er mehr als 60 "Russenbilder". Er verfremdete die ihm aus der Jugendzeit in der DDR bekannten Bilder des sozialistischen Realismus. Sie wurden 2007/2008 in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt. In einigen der Bilder sind kreisrunde farbfreie Flächen vorhanden, die sich nach seiner Aussage durch die zum Malen aufgestellten Farbdosen ergaben. Auch diese Bilder sind bereits von Museen in aller Welt erworben worden.
Text: Wikipedia
Bild: Blick ins Atelier Derneburg
Fotograf: Rüdiger Vollhardt
Georg-Baselitz-Haus Kamenz
Die Idee eines Museums für den weltweit bekannten Maler Baselitz gibt es in Kamenz ungefähr seit dem Fall der Mauer und dem Ende des DDR-Systems. Am Anfang waren es vornehmlich seine Verwandten, die nun barrierefrei und offen das Wirken des Künstlers vefolgen konnten. Im Lauf der Zeit und während erster Kontakte zu Baselitz selbst entstand in breiten Kreisen immer mehr ein Bewusstsein dafür, welche wichtige Künstlerpersönlichkeit hier in Deutschbaselitz und Kamenz seine ersten Lebensjahre verbracht hatte.Die "Begegnung" mit Baselitz und seinem Werk heißt unter anderem, sich auf vollkommen Unerwartetes einzulassen, herkömmliche Schönheitsideale infrage zu stellen und bereit zu sein für Änderungen der Perspektiven - auch der Perspektiven des Denkens. Insofern ist die Konfrontation mit Baselitz immer eine Herausforderung, fast eine "Arbeit". Wer sich mit seinem Schaffen vertraut macht, kann sich jedoch der Faszination der Werke und der künstlerischen Philosophie des Georg Baselitz kaum verschließen.
Seit dem Auszug der letzten Nutzer im Jahr 2000 steht der Stadt Kamenz mit dem ehemaligen Barmherzigkeitsstift ein repräsentatives historisches Gebäude zur Verfügung. Dessen Umbau, Erweiterung und Nutzung des angrenzenden Areals geben dem Gedanken an ein Baselitz-Museum konkrete Gestalt.
Dies empfand auch Prof. Josef Paul Kleihues, ein enger Freund von Baselitz und einer seiner ersten Sammler, als er seinem Entwurf folgende Gedanken voranstellte:
Ein Baselitz-Museum in Kamenz
Vorgeschichte
Das kleine aber feine Kamenz besitzt große Bedeutung für die europäische Literatur- und Kunstgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, denn es ist der Geburtsort von Gotthold Ephraim Lessing und Georg Baselitz. Darüber hinaus ist es wichtig für die Architektur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, da es mit dem von Johann Gottfried Bönisch initiierten "cosmopolitischen Barmherzigkeitsstift" vo n 1824 eines der ersten Krankenhäuser des Königreichs Sachsen besitzt. Über einer Freitreppe erhebt sich ein fünfzehnachsiger und zweigeschossiger Baukörper, dessen drei Mittelachsen durch ionische Kolossalpilaster elegant und straff zusammengefasst werden. Über diesem Mittelrisalit verkröpft sich das Gebälk, dessen Fries die Devise "Seyd barmherzig" aufnimmt. Ihren oberen Abschluss findet die qualitätvolle Fassade in einem Kragsteingesims, auf dem ein Dreiecksgiebel ruht, dem ein Thermenfenster einbeschrieben ist. Das schlichte Walmdach mit Fledermausgauben wird von einem Schornstein in Form eines Dachreiters bekrönt. Dieser schlichte Bau bildete einstmals mit dem umgebenden Landschaftspark mit See ein klassizistisches Gesamtkunstwerk, ist jedoch im Laufe einer wechselvollen Baugeschichte durch zahlreiche Um- und Erweiterungsbauten
bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden. Seit nunmehr fünf Jahren steht das ehemalige Armenkrankenhaus leer und fristet ein unverdientes und beklagenswertes Schattendasein, wodurch es in Vergessenheit zu geraten droht, was weder der baukünstlerischen noch der historischen Bedeutung des Gebäudes gerecht wird.
Idee
Die Erhaltung dieses besonderen Baudenkmals hat nur eine Chance, wenn es einer neuen Nutzung zugeführt wird. Welche neue Nutzung dieses Kleinodes läge näher, als es dem bedeutenden Sohn der Stadt, dem international renommierten Maler Georg Baselitz, in Form einer Stiftung zu widmen und damit sein Werk gebührend zu würdigen? Baselitz verbindet seine persönliche Geschichte mit dem Gebäude: Hier wurde er 1945 kurz vor Ende des Krieges als Siebenjähriger verbunden, als ihn ein Schuss am Kopf getroffen hatte.
Diese neue Bestimmung setzt voraus, das Barmherzigkeitsstift von seinen Verbauungen und Verunstaltungen zu befreien, es gleichsam auf seine klassizistische Ursubstanz zu reduzieren, damit die strenge Baukunst wieder zum Vorschein kommt und die schönen anspruchsvollen Fassaden erneut ihren Charakter entfalten können. Dabei bietet die Neugestaltung des Parks die Möglichkeit einer stärkeren städtebaulichen Einbindung des Geländes in das Kerngebiet von Kamenz.
Konzept
Die erste Idee war es, lediglich das Kerngebäude zu nutzen. Die entkernten und schlicht gestalteten Räume bieten einen schönen Hintergrund für die Werke von Georg Baselitz, sowohl für Gemälde und Skulpturen, als auch für Arbeiten auf Papier. Da es sich aber verbietet, die Fenster zu vermauern, bietet dieser Kernbau nicht genügend Raum für einen wünschenswerten Vortragssaal oder ein kleines Restaurant, um damit ein eindrucksvolles Museum für Georg Baselitz zu schaffen. Daher lag es nahe, das Haupthaus in schlichtem klassizistischen Stil - also ganz ohne modische Attitüde - zur Parkseite hin mit zwei Erweiterungsbauten zu versehen, welche im übrigen einen schönen Hofraum bilden. Der Südflügel dient im Erdgeschoss als Vortragssaal mit einem kleinen Foyer und direkter Verbindung in den Wechselausstellungsbereich des Museums. Der nördliche Seitenflügel mit Südorientierung zum Terrassenhof bietet ausreichend Raum für ein Restaurant mit den wichtigsten Nebenräumen. Das Haus verfügt insgesamt über ca. 1.000 m2 Ausstellungsfläche (davon befinden sich 670 m2 im Altbau und 330 m2 in den Erweiterungsbauten), während die Flächen des Vortragssaals und des Restaurants im Erdgeschoss je 140 m2 umfassen. Die erforderlichen Sanitäranlagen und einige Nebenräume wurden generell im Kellergeschoss nachgewiesen, während die kleine Leitung des Hauses im Dachgeschoss über dem Mittelrisalit untergebracht ist.
Quintessenz
In dem neuen Haus wird nicht nur Georg Baselitz gezeigt, sondern auch an Johann Gottfried Bönisch erinnert werden. Und wäre es nicht denkbar, in dem kleinen Vortragssaal auch Konferenzen oder Vorträge über Gotthold Ephraim Lessing stattfinden zu lassen, so dass auf diese Weise drei bedeutende Söhne der Stadt gleichsam wie in einer kulturhistorischen Zusammenfassung geehrt werden?
Ihre Werke könnten sich in dem qualitätvollen klassizistischen Bau gegenseitig befruchten und damit ihre Bedeutung und die der Stadt weit über das Land hinaus tragen. Dieses Projekt sollte spätestens 2008 abgeschlossen sein, um den 70. Geburtstag von Georg Baselitz in diesem Jahre mit der Einweihung seines Museums gebührend zu feiern.
Josef Paul Kleihues, verstorben im Juli 2004
Zum selben Thema äußert sich die Direktorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Frau Ingrid Mössinger:
Georg-Baselitz-Haus in Kamenz
Mit Gotthold Ephraim Lessing und Georg Baselitz kann sich Kamenz auf zwei Künstler von zeitloser Bedeutung berufen. Obwohl ihre Werke in einem zeitlichen Abstand von 200 Jahren entstanden, zeichnet sie ein außergewöhnlicher Freiheitsdrang aus, der konventionelle Einengungen sprengt. Jeder Stadt gereichte es zur Ehre, für Persönlichkeiten wie Lessing und Baselitz einen Platz zu schaffen, an dem ihr Werk in geeigneter Form öffentlich präsentiert wird.
Nachdem es bereits für Lessing eine Gedenkstätte gibt, besteht nun die einmalige Gelegenheit, in einem repräsentativen Gebäude Werke von Georg Baselitz permanent der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man mag einwenden, dass Kamenz eine kleine Stadt sei, der die entsprechenden Besucherzahlen fehlten. Es gibt jedoch die Erfahrung, dass Interessierte für lohnende Ziele weite Wege auf sich nehmen. Außerdem gibt es bis jetzt noch kein für ganz Sachsen entwickeltes, nach Zielgruppen eingerichtetes Tourismuskonzept. Gerade der Kunsttourist ist besonders reisefreudig und überregional, ja international orientiert. Warum sollte man nicht, wenn man schon einmal in Sachsen zu Museumsbesuchen ist, nach Kamenz wegen Baselitz und Lessing reisen? Es wäre sicher ein nicht wieder gut zu machendes Versäumnis, auf die Werkpräsentation eines Künstlers vom Range Georg Baselitz zu verzichten.
Eine gute Chance für ein lebendiges Zentrum böten Kontakte zu den großen Kunsthochschulen von Dresden und Leipzig. Im Kontakt zu den dortigen Lehrern böte sich die Gelegenheit, jungen Talenten im Baselitz-Haus ein Forum für ihre Werke zu bieten und damit zusätzlich Besucher anzulocken. Darüber hinaus könnte sich das Baselitz-Haus zu einer Begegnungsstätte für nationale, europäische und internationale zeitgenössische Kunst entwickeln. Das Gebäude ist groß genug dafür, aber nicht zu groß. Die Kosten dürften sich deshalb in Grenzen halten. Selbstverständlich geht das nicht ohne Kurator, der die Qualität des Ausstellungsprogramms bestimmt und für die Vernetzung mit geeigneten Einrichtungen und Personen sorgt oder weitere Aktivitäten entwickelt.
Obwohl Baselitz seit Jahrzehnten im Brennpunkt internationaler Aufmerksamkeit steht, liegen seine Wurzeln in Sachsen, der Wiege des deutschen Expressionismus. Die direkte, expressive Sprache, die sich zwischen Schaffen und Zerstören bewegt, legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Baselitz könnte dadurch nicht nur für Kamenzer, sondern darüber hinaus für alle Sachsen eine Identifikationsfigur sein, die das Selbstvertrauen der Menschen stärkt.
Georg Baselitz hat jede für einen Künstler bedeutende Auerkennung erhalten, wie zum Beispiel im Jahr 2004 den vorn japanischen Kaiser in Tokyo überreichten "Premium Imperiale". Von den zahlreichen Ausstellungen
seien die Teilnahmen an documenta 5 (1972) und 7 (1982), die Biennalen von Sao Paule (1975) und Venedig (1980, 1993, 1995), die Garnegie International (1985, 1988, 1995) und Ausstellungen in der Royal Academyie London (1985), Museum of Modern Art, New York (1987), Guggenheim Museum, New York (1988), Wien (1993), Chemnitz (1998), Fondation Beyeler, Basel (2003) und Bonn (2004) erwähnt.
Baselitz macht seine Malereien und Skulpturen, wie er einmal sagte, als ob er der erste und der einzige wäre gegen alles was dagegen spricht: Sein Mut und sein mit Energie vorangetriebener Innovations- und Erkenntniswille ist einzigartig und gerade heute beispielhaft.
Ein repräsentatives Baselitz-Haus in der Geburtsstadt des Künstlers sollte für Kamenz und für den Staat Sachsen nicht nur eine Ehre, sondern auch eine selbstverständliche Pflicht sein.
Foto: Modell Georg-Baselitz-Haus Kamenz
Wie das Barmherzigkeitsstift entstand
Der Gedanke, für arme und bedürftige Menschen ein Krankenhaus einzurichten, war im 19. Jahrhundert revolutionär. Öffentliche medizinische Einrichtungen bildeten - abgesehen von wenigen Ausnahmen - bis dahin eine Seltenheit. Der Kamenzer Stadtphysikus Dr. Johann Gottfried Bönisch (1776 bis 1831) hatte als Wundarzt im Krieg sowie als praktizierender Mediziner und Geburtshelfer zahllose Beispiele menschlichen Leids kennen gelernt. Für Bedürftige wie den Seifensieder N., der lange Zeit in einem "Gefängnisgewölbe des Camenzer Stockhauses" lag und "einem Skelette vollkommen ähnlich, im 36sten Lebensjahre" starb, oder wie die "verwaiste blödsinnige, durch unheilbaren Nasenkrebs entstellte Beata", die zum Schrecken der Schwangeren bettelnd umher zog, wollte Bönisch ein "zweckmäßiges Unterkommen" schaffen. Der Tod eines taubstummen Mannes, der "bei Gelegenheit des Wochenmarktes" in Kamenz zurückgelassen wurde, gab den Anstoß.Bönisch fühlte sich persönlich verantwortlich und gelobte, seine Schuld durch die Errichtung eines Armenkrankenhauses abzutragen.Der 46-Jährige, der ein großer Literaturfreund und Lessing-Verehrer war, verband sein humanitäres Projekt mit dem Namen des großen Kamenzer Sohnes und begann es zügig umzusetzen. Tagsüber ging er seiner Tätigkeit als Stadtphysikus nach, abends folgten umfangreiche Vorbereitungen für das große Ziel. Da seitens der Stadt die finanziellen Mittel für den Bau nicht zur Verfügung standen, nahm Bönisch zudem einen aufreibenden und mehrjährigen Kampf um mildtätige Spenden auf sich. Mehrere Tausend Briefe gingen an angesehene Persönlichkeiten, an Universitäten und Bildungsanstalten. Bönisch zog selbst von Haus zu Haus und warb um Unterstützung, später schickte er "Sammlungsbothen" aus und initiierte den Verkauf einer Lithografie sowie weiterer "Stifts-Sachen". Es wurde jedoch bald offensichtlich, dass ein Krankenhaus mit dem Namen "Lessings-Stift" keine breite Zustimmung fand. Erst als er die Bezeichnung in Barmherzigkeitsstift änderte, unterstützten ihn über 1.000 Bürger aus Deutschland durch Zusendung von teils erheblichen Geldbeträgen. Hinzu kamen Tausende praktische Hilfsarbeiten von ortsansässigen Handwerkern und Einwohnern sowie die Erlöse aus dem Verkauf von Bönischs Buch "Historische geographisch statistische Topographie oder geschichtliche Beschreibung der Stadt Camenz". Drei Jahre später war es dann soweit: Am 3. Januar 1826 wurde das "cosmopolitische Barmherzigkeitsstift für Arme Kranke" in Kamenz eröffnet. Bönisch verwies zwar in seiner Einweihungsrede nicht mehr auf Lessing, und über dem Eingang steht noch heute "Seyd barmherzig", aber die Jahresberichte zum Wirken des Krankenhauses überschrieb der Arzt immer mit dem Doppelnamen: "Barmherzigkeitsstift oder Lessings Denkmal zu Kamenz".
Nach dem Bau des Gebäudes musste Bönisch nun für Heizung, Beleuchtung, Verpflegung und Medikamente sorgen. Acht bis 15 Kranke waren anfangs täglich zu betreuen sowie der Krankenwärter und eine arme Kamenzer Witwe, die als Hausmutter, Köchin und Krankenwärterin fungierte, zu bezahlen. Im ersten Jahresbericht des Barmherzigkeitsstifts verzeichnete Bönisch insgesamt 170 Patienten, eine Geburt und fünf Todesfälle. Die Kranken wurden umsonst beköstigt und erhielten fünf Mahlzeiten täglich. Nachdem in das Barmherzigkeitsstift der Alltag eingezogen war, nahm Bönisch den 100. Geburtstag von Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781) zum Anlass, dem verehrten Dichter doch noch ein bleibendes Denkmal zu setzen. Zu den von ihm mitorganisierten Jubiläumsfeierlichkeiten erklärte er, dass "Lessings-Stift und Barmherzigkeits-Stift wirklich Synonyma" seien. Schließlich nehme sein Krankenhaus ganz im Sinne Lessings arme Menschen "ohne Unterschied des Glaubens und des Vaterlandes" auf. Außerdem entspreche das im Geist der christlichen Religion stehende "Seyd barmherzig" den humanen Idealen des Aufklärers, dessen "Nathan der Weise" schon allein eines Andenkens würdig sei. Als Höhepunkt der Ehrung ließ Bönisch - unter überwältigender Anteilnahme der Kamenzer, jedoch fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit - im Eingang seines Krankenhauses eine Lessing-Büste aufstellen. Den Bronzekopf hatte der Dresdner Bildhauer Gottlob Christian Kühn (1780 bis 1828) nach "einem guten Gemälde, nach vorhandenen Kupferstichen und Silhouetten" angefertigt. Diese Büste stand von 1829 bis zur Schließung des Krankenhauses 2001 im Eingang des Barmherzigkeitsstifts auf einem Sockel aus marmorartigem, geädertem Sandstein und war in einer Art Tempel präsentiert. Ein Adler, der sich scheinbar über das Haupt des Kamenzer Sohnes emporschwingt, "trägt die Lyra auf seinen Fittichen himmelan" und symbolisiert, dass mit Lessing eine neue Epoche in der deutschen Literaturgeschichte angebrochen ist.
Als der rastlose Dr. Johann Gottfried Bönisch zwei Jahre später schwer erkrankte, bat er die Stadtväter darum, "auch im Tode gleichsam der Anstalt und ihren Kranken nahe bleiben zu dürfen". Dem Wunsch des 54-Jährigen wurde zugestimmt. Und so zeugt noch heute das Mausoleum hinter dem Barmherzigkeitsstift vom Wirken dieses engagierten Lessing-Freundes.
Text: Marion Kutter, Öffentlichkeitsarbeit Lessing-Museum Kamenz
Bild: Historische Ansicht Barmherzigkeitsstift Kamenz
Förderverein Georg-Baselitz-Haus Kamenz e.V.
Der Förderverein Georg-Baselitz-Haus Kamenz e.V. gündete sich im Jahr 2005 unter dem Vorsitz von Bernd Asselmann.In der Satzung des Fördervereins wurde festgelegt, dass der amtierende Bürgermeister immer das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden inne hat, somit wird das kommunale Engagement des Vereins gesichert.
"Thesenpapier" des Fördervereins Georg-Baselitz-Haus Kamenz e.V.
Das Thesenpapier wurde als Anlage der Beschlussvorlage "Georg-Baselitz-Haus/1. Planungsstufe (Machbarkeitsstudie)" in die Stadtratssitzung am 19.09.2007 eingebracht. Diese Beschlussvorlage zur Auftragserteilung für die Erstellung einer Machbarkeitsstudie wurde dann positiv entschieden.
Im Frühjahr 2008 sollen die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zur Diskussion gestellt werden.
10 Thesen:
- Wir möchten, dass bis zum Jahr 2011 das Georg-Baselitz-Haus im ehemaligen Barmherzigkeitsstift in Kamenz errichtet wird.
- Leben und Werk von Georg Baselitz sollen in diesem Haus gewürdigt werden.
- Wir stellen uns vor, dass vor allem Arbeiten des Künstlers auf Papier ein Schwerpunkt darstellen sollen, was ein Querschnitt des Schaffens mit einschließt, wobei hier selbstverständlich die Ansichten von Georg Baselitz bzw. des zukünftigen Kurators zu berücksichtigen sind.
- Wir möchten, dass in diesem Haus ein Archiv aufgebaut wird, dass in Zukunft ein zentraler Ansprechpartner für Interessierte sein wird.
- Wir wollen das Haus zu einer Begegnungsstätte der Menschen mit zeitgenössischer Kunst machen.
- Wechselausstellungen mit Werken von Baselitz aber auch anderen v.a. jungen Künstlern soll Interesse wecken und das Haus mit Leben erfüllen.
- Gegenwartskunst soll in diesem Haus, insbesondere auch für Schüler und Jugendliche, durch Kurse und Veranstaltungen erlebbar werden.
- Das Baselitz-Haus wird eine Bedeutung haben, die weit über Kamenz und die Region hinaus reicht. Die Kamenzer Kulturlandschaft mit Lessing-Museum sowie spätgotischer Kunst in den Kirchen unserer Stadt wird hierdurch eine wichtige Bereicherung erfahren und Besucher aus ganz Deutschland und darüber hinaus in unsere Stadt bringen.
- Der Verein sieht seine Aufgabe darin, die Stadt und andere Entscheidungsträger auch auf Landesebene zu unterstützen und zu motivieren, um das Baselitz-Haus im Barmherzigkeitsstift so schnell wir möglich zu verwirklichen.
- Als weiterer Schritt sollte hierzu eine erneute Erörterung im Kamenzer Stadtrat erfolgen mit dem Ziel, dass dieser den Beschluss fasst, dass die Stadt Kamenz den festen Vorsatz hat, das Gebäude des ehemaligen Krankenhauses ("Barmherzigkeitsstift") sowie das entsprechende Umgebungsgelände in eine zu bildende Stiftung - selbstverständlich im Rahmen eines geklärten finanziellen und inhaltlichen Gesamtkonzeptes - in eine Stiftung einzubringen, in der neben möglichen privaten Stiftern vor allem die Stadt Kamenz, die Region sowie der Freistaat vertreten sind.
Bild: Der Vorstandsvorsitzende des Fördervereins Georg-Baselitz-Haus Kamenz e.V. im Gespräch mit Herrn Detlef Gretenkort, dem Sekretär des Künstlers
Fotograf: Rüdiger Vollhardt

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