„Einfach himmlisch“

Festakt anlässlich des Abschlusses der Restaurierungsarbeiten in der St.-Just-Kirche

„Einfach himmlisch“ lautete die Losung für den kleinen Festakt zum Abschluss der Restaurierungsmaßnahmen der Wandmalereien in der St.-Just-Kirche am letzten Dienstag. Und darin klang – unüberhörbar und dann unübersehbar – auch die ästhetische Dimension eines „Einfach himmlisch schön“ mit. Davon konnten sich an diesem Tag die eingeladenen Besucher selbst überzeugen.

Eingeladen hatte die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde, in deren Obhut sich diese kleine Kamenzer Kirche befindet. Es war ein Tag der Freude und wer in der Vergangenheit regelmäßig die Veranstaltungen des Tages des offenen Denkmals bzw. der Kamenzer Nacht der Museen und Kirchen besucht hatte, konnte von der Ankündigung des Abschlusses der Arbeiten nicht wirklich überrascht sein. Denn bei diesen Gelegenheiten war – ob durch Restauratoren/Restauratorinnen oder durch den Vorsitzenden des Kamenzer Kirchbauverein St. Marien e.V, Martin Kühne, – kontinuierlich über den Fortgang der Arbeiten berichtet worden. Und schon damals zeichnet sich ab, was sich hier für ein kunstgeschichtlicher Schatz offenbaren wird.

Eins wurde beim Festakt deutlich, die Bewahrung der Vergangenheit, vielleicht auch das Aufdecken bzw. „Wiederherstellen“ dieser verborgenen Schönheiten im Kircheninneren, war ein Gemeinschaftswerk, an dem viele mitgewirkt und Verdienste haben.

06.11.2018

Pressemeldung der Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Kamenz anlässlich der Beendigung der Restaurierungsarbeiten in der St.-Just-Kirche

INFORMATIONEN ZUM VORHABEN CHOR ST.-JUST-KIRCHE KAMENZ

Von außen eher unscheinbar, birgt die kleine St.-Just-Kirche am Rande der Kamenzer Altstadt einen großen Schatz. Wände und Gewölbe des Chorraums tragen eine etwa zwischen 1400 und 1420  in Fresco-Secco-Technik entstandene Ausmalung mit biblischen Szenen. Hervorzuheben sind zwei wandfüllende Bilderzyklen, die dem Marienleben und den Stationen des Leidensweges Jesu Christ gewidmet sind. Die Kunstwissenschaft bescheinigt der Ausmalung höchste künstlerische Qualität und stellt sie stilistisch in die Nähe vergleichbarer Arbeiten in Böhmen.

Die Ausmalung des Chores in der St.-Just-Kirche ist ein räumlich wirkendes Gesamtkunstwerk, das in hervorragender Weise von der Religiosität und Kultur unserer Vorfahren kündet. Kunsthistorisch reicht dieses Denkmal spätmittelalterlicher Wandmalerei weit über den Kulturraum der Oberlausitz hinaus.

Vermutlich 1542 nach einem Stadtbrand mit Putz und Anstrichen überdeckt, vergingen fast 400 Jahre bis zur Entdeckung und Freilegung der Malereien durch den Kamenzer Architekten Dr. Werner Reif. Die Restaurierung mit Retusche und Ergänzung gestörter Bereiche erfolgte 1937 unter Leitung des Dresdner Kunstmalers Willy Rittsche.

In der DDR-Zeit unternahm die Kirchgemeinde große Anstrengungen, die von Bauschäden gezeichnete Kirche als eine von vier (!) evangelischen Kirchen der Stadt zu erhalten. Von 1990 bis heute konnte die Kirchgemeinde dank staatlicher, kirchlicher und privater Unterstützung erfolgreich gegen den allgegenwärtigen Sanierungsstau anarbeiten.

Der Chorraum der St.-Just-Kirche und seine Ausmalung allerdings wurden zum großen Sorgenkind.

Bereits augenscheinlich war die Schädigung der unteren Bereiche durch Feuchte und Salzkristallisationsprozesse. Alle Malereiflächen an Wänden und Gewölbe waren extrem verschmutzt. Putzergänzungen traten störend hervor. Bei der Freilegung in großer Zahl entstandene Hackspuren beeinträchtigten die Ansicht. Die 1937 in großem Umfang aufgebrachten Retuschen zeigten sich teilweise abgängig und stark verfärbt. Die Lesbarkeit der Bildzyklen hatte sich deutlich verschlechtert.
Insbesondere an der Decke lagen Stellen des die Malschicht tragenden Putzes hohl. Das Putzgefüge war gelockert; die Rissbildungen durch Erschütterungen aus dem Straßenverkehr sowie durch Setzungen und andere baukonstruktive Probleme unübersehbar.

So hatte sich der Chordachstuhl durch die umlaufend geschädigten Schwellen und Fußpunkte gesenkt. Dies begünstigte Rissbildungen im Mauerwerk und belastete die Gewölbe. Die offenbar bereits vor langer Zeit ausgebesserten Sandsteinrippen der Chorgewölbe und die Schlusssteine wiesen kritische Rissbildungen und Ablösungen auf. Aus den Stahloberzügen ungünstig in die Triumphbogenwand eingeleitete Lasten hatten auch dort zu großen Rissen geführt.
Der Sockelputz im Chor wurde in den letzten fünfzehn Jahren bereits zweimal als sog. Opferputz zur Aufnahme bauschädlicher Salze erneuert. Leider bringen insbesondere Lage und spezielle hydrogeologische Verhältnisse am Standort eine erhöhte Feuchte- und Salzbelastung der Außenwände mit sich, der nicht vollständig begegnet werden kann.

Die Kirchgemeinde ließ mit Unterstützung des Freistaates Sachsen und der Landeskirche in den Jahren 2013 bis 2015 in kleinen Bauabschnitten die dringendsten konservatorischen Notsicherungsarbeiten an den salzbelasteten Bereichen, wissenschaftliche Voruntersuchungen sowie erste flankierende Maßnahmen zur Verbesserung der baulichen und klimatischen Rahmenbedingungen ausführen.

Der großzügigen Unterstützung des Vorhabens durch Projektpartner und Förderer ist es zu verdanken, dass nun sowohl umfassende Instandsetzungen am Bauwerk mit den Schwerpunkten Sanierung Chordachstuhl und Risssanierung Wände und Gewölbe als auch die grundhafte Konservierung und Restaurierung der akut gefährdeten, spätmittelalterlichen Ausmalung durchgeführt werden konnten.

Das Vorhaben gliederte sich in zwei Bauabschnitte, die hinsichtlich der Ausführung ineinander verflochten waren.

Im ersten Bauabschnitt erfolgten Sicherungs- und Instandsetzungsarbeiten an Dachstuhl, Gewölbe und Mauerwerk. Dazu wurde der gesamte Chorraum eingerüstet. Der Fußbereich des Dachstuhls über dem Chor sowie der Anschluss zum Schiff wurden bei Erhalt der Dachdeckung in handwerklich anspruchsvoller Zimmermannsarbeit umfassend instandgesetzt, das bestandsgefährdete Gewölbe dabei wieder vom Dachtragwerk freigestellt. Die Risse im Mauerwerk und in den Gewölben wurden mit speziellen Verfahren aufwändig geschlossen. An den Gewölberippen mussten einzelne Teile ausgetauscht und Rückverankerungen vorgenommen werden. Die teilweise von den Gewänden abgerissene Ausmauerung der Blindfenster musste mittels spezieller Anker wieder angeschlossen werden.

Die Arbeiten waren mit besonderer Sorgfalt und erschütterungsarm durchzuführen.

Ferner erfolgten in diesem Bauabschnitt Messbildaufnahmen der Wand- und Deckenmalereien als Vorleistung für die Konservierung und Restaurierung.

Den Kern des Gesamtprojektes bildete zweifellos die im zweiten Bauabschnitt ausgeführte, umfassende und äußerst anspruchsvolle Konservierung und Restaurierung der gesamten Wand- und Deckenmalereien.

Der fragile Bestand musste durch Putzfestigung, Hinterfüllen von Hohlstellen und Schließen von Rissen stabilisiert werden. Störende Putzergänzungen waren zu entfernen und dem Bestand in Höhe und Struktur angepasst wiederherzustellen. Die Malschichten wurden aufwändig gereinigt und nach Bedarf gefestigt. Abgängige oder die Bildwirkung verfälschende Retuschen von 1937 wurden abgenommen. Die damals erfolgte Bemalung der Rippen, der Fenstergewände und des Triumphbogens blieb erhalten.
Die Malereien wurden zurückhaltend retuschiert und Fehlstellen eingestimmt. Im Vordergrund standen dabei weitest gehende Akzeptanz und Darbietung auch des versehrten Originals.

Die Wahrnehmbarkeit und Lesbarkeit der Bilder hat sich deutlich verbessert.

Die Kartierung und Dokumentation der Arbeiten erfolgte mittels einer speziellen Software, die später eine sehr gute Nachvollziehbarkeit der einzelnen Schritte ermöglichen soll.

Der Sockelputz wurde auf Grundlage einer für den anspruchsvollen Einsatzzweck optimierten Rezeptur erneuert und mit Kalklasur an den Fondton der Malereiflächen angepasst.

Der Chorraum erhielt eine spezielle Beleuchtung, die die Malereien und das spätgotische Altarretabel ins rechte Licht rücken.

Im Kirchenschiff wurden ergänzende Putz- und Malerarbeiten ausgeführt, ein Teil der Grabdenkmale umgesetzt und die Totenkronenkästen unter den Emporen restauriert.

Die Gesamtkosten des Vorhabens betragen ca. 345.000 €.

 

Die Finanzierung des ersten Bauabschnittes:

  • Förderung mit Mitteln des Freistaates Sachsen aus dem Sonderprogramm Denkmalpflege – 2016
  • Mittel der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens
  • Eigenmittel der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Kamenz

Die Finanzierung des zweiten Bauabschnittes:

  •  Denkmalschutz-Sonderprogramm VI der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
  • Kofinanzierung durch den Freistaat Sachsen
  • Zuwendung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden
  • Mittel der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens
  • Eigenmittel der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Kamenz
  • Kamenzer Kirchbauverein St. Marien e.V.
  • Spenden

Es ist ein großes Anliegen der Kirchgemeinde, die Kunstwerke der St.-Just-Kirche, zu denen neben der freskalen Gestaltung eines gesamten sakralen Raumes noch ein bedeutender spätgotischer Schnitzaltar und ein Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert gehören, stärker in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken.So ist vorgesehen, den Innenraum der St.-Just-Kirche in die bereits bestehenden Führungsangebote von Stadtinformation und Sakralmuseum St.-Annen aufzunehmen und die schon jetzt gute Zusammenarbeit mit den städtischen Museen weiter zu vertiefen.

Im Gespräch sind ferner saisonale Öffnungszeiten, die Einwohnern und Gästen der Stadt die individuelle Besichtigung und Beschäftigung mit dem Bildprogramm ermöglichen sollen.

Im Rahmen des Vorhabens entstehen Materialien, in denen das Bildprogramm erklärt und Begleitinformationen gegeben werden. Nach Möglichkeit soll in Zusammenarbeit mit einer Hochschule eine Bildfolge auf einem geeigneten Träger in der ursprünglich starken Farbigkeit dargestellt und für Führungen vorgehalten werden.

Über die traditionelle Nutzung für Bestattungsfeiern hinaus wird die St.-Just-Kirche auch weiterhin ein Ort für besondere Gottesdienste und Veranstaltungen sein, u.a. im Rahmen der Nacht der Kirchen und Museen sowie am Tag des offenen Denkmals.

Kontakt:

Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Kamenz
Kirchstraße 20
01917 Kamenz
www.kirchgemeinde-kamenz.de