„Wenn Kunst sich in Natur verwandelt …“

Ausstellung mit Kaltnadelradierungen von Claudia Berg eröffnet

Das vollständige Zitat lautet: „Kunst und Natur Sei auf der Bühne eines nur; Wenn Kunst sich in Natur verwandelt, Dann hat Natur mit Kunst gehandelt.“ Es geht um ein Sinngedicht von Gotthold Ephraim Lessing mit dem Titel „In eines Schauspielers Stammbuch“. Damit spielt Claudia Berg auch auf eine Umbruchsituation in der Kunstauffassung des 18. Jahrhunderts, wenn auch hier von Lessing auf die Theaterbühne bezogen, an. Doch auch unser Jahrhundert ist von Umbrüchen vielfältigster Art geprägt, sei es politischer, ökonomisch-ökologischer oder künstlerisch-kultureller Art. Dazu kann oder muss sich eine zeitgenössische Künstlerin verhalten. Wie das geschieht, ist in dieser Ausstellung im Sonderausstellungsraum des Malzhauses zu sehen, die u.a. vom Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien gefördert wurde.

Doch zunächst begrüßte der Oberbürgermeister Roland Dantz die zahlreich erschienenen Kunstfreunde, unter ihnen auch die Präsidentin des Statistischen Landesamtes des Freistaates Sachsens, Carolin Schreck. Er skizziert kurz die beeindruckende Biografie von Claudia Berg (siehe auch https://claudia-berg-grafik.de/) und hob die schon länger währende Beziehung der Künstlerin zur Lessingstadt hervor, die sich sowohl in Ankauf von Werken durch die Städtischen Sammlungen niederschlug als auch durch die Realisierung gemeinsamer Buchprojekte. So sei z.B. an die Grafik „Dorfstraße“ erinnert, die als Beigabe zum Heft der 5. Kamenzer Rede in St. Annen, das den Redebeitrag von Volker Braun „Vom Fortbestehen. Eine Dreinrede.“ enthielt, in 20 Exemplaren erschien. Für ihn, so der Oberbürgermeister, stehe Claudia Berg für den inhaltlichen Anspruch des berühmten Satzes von Paul Klee: „Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ 

Bei Claudia Berg (li.) bedanket sich der Oberbürgermeister mit einem kleinen Blumengruß für die gelungene Ausstellung. Im Hintergrund die Musikerin Gioia Großmann (li.) und Birka Siwczyk von der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption.

Im Anschluss an die Begrüßungsworte des Oberbürgermeisters verlas Birka Siwczyk, Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption, die gemeinsam mit dem Lessing-Museum die Ausstellung konzipiert hatte, die Laudatio des Hallenser Professors Helmut Brade.  Dieser wollte ursprünglich persönlich anwesend sein, war aber verhindert, da er derzeitig sehr in die Vorbereitung der Inszenierung einer Händel-Oper zu den Händelfestspielen in Halle eingebunden ist. Im Übrigen sei erwähnt, dass die Arbeitsstelle dankbarerweise vom Bund und Freistaat gefördert wird.

 

„Gezeichnet hat sie immer.“, so beginnt die Laudatio, um dann fortzufahren, „Zeichnend hat sie Bilder und Räume aufgenommen, zeichnend die Welt erkundet, das alte Europa, das noch ältere Asien, unsere heutige Wirklichkeit.“ Damit charakterisiert der Laudator die Kunsträume, in denen sich Claudia Berg bewegt, um anschließend auf die von Claudia Berg bevorzugte Technik der Kaltnadelradierung einzugehen, deren Resultate in der Ausstellung in Kamenz zu sehen sind. Dabei hebt er hervor, dass sie in der Arbeit mit der Kupferplatte das Maß zu wahren weiß, an dessen Grenze, die Platte noch nicht „böse“ wird, sich nicht „sperrt“, sondern bei großer Verdichtung, „feinste malerische Wirkungen“ hervorgebracht werden. Dabei verhehlt der Laudator nicht, dass dieser Prozess für die Künstlerin ein Balanceakt ist, der „keinesfalls geradlinig“, auch „quälend“ ist und von einer – sicherlich produktiven – Unzufriedenheit lebt. Claudia Berg gehe es nicht nur um eine ausgefeilte Beherrschung der Technik oder eine vordergründige Ästhetik ihrer Werke, sondern auch um eine ethische Haltung, bei der die „Kunst, die Zerstörung leugnet. Kunst die die Welt liebt, in der wir leben. Hoffnung als Aufgabe.“  Die Laudatio endet mit den Worten, sich auf die Werke von Claudia Berg, mit denen es sich sehr gut leben lässt, einzulassen, sich die Zeit zu nehmen, die für den Genuss und die Ergründung erforderlich ist, sich einfach „verzaubern“ zu lassen.

Claudia Berg: „Steilküste“ (bei Vitt, Rügen) - Kaltnadelradierung - 2017

Dieser Abend war nicht nur von Augenreichtum geprägt, auch musikalisch war er ein Vergnügen. Gioia Großmann, eine junge Musikerin aus Radebeul und schon jetzt bei diversen Musikwettbewerben prämiert, zeigte mit zwei Stücken von Johann Sebastian Bach und Aleksey Igudesman den Besuchern der Ausstellungseröffnung ihr Können. Zum Teil stand deren Charakter des Ungestümen, besonders bei "Applemania" von Aleksey Igudesman, im reizvollen Kontrast zu den ausgestellten – Ruhe und Weite ausstrahlenden – Landschaften. Dagegen fand es in den prononciert aufgehängten Porträts von Kleist, Lessing und Kant, letztere in seinem Ausdruck fast dämonisch, die sicherlich gewollte Entsprechung.

 

Claudia Berg: Kaltnadelradierungen mit den Porträts (v.l.n.r.) von Heinrich von Kleist, G.E. Lessing und Immanuel Kant

Die Besucher dürften einen – im wahrsten Sinne des Wortes – schönen Abend verlebt haben. Großformatige und romantisch oder romantizistisch anmutenden Werke von Claudia Berg luden zum Verweilen ein, vielleicht sogar zeitweise auch zum Ausstieg aus der hässlichen Sphäre unseres Lebens, aber nicht um in Schönheit zu entfliehen, sondern mit dem Anspruch, sie wiederzugewinnen.

Die Ausstellung kann im Malzhaus von Dienstag bis Sonntag von 10 - 18 Uhr, am Pfingstmontag von 10 - 18 Uhr besucht werden. Der Eingang erfolgt über das Museum der Westlausitz, Pulsnitzer Straße 16. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. 

12.04.2019