Flaschenpost: Nachricht aus der Vergangenheit
Das Lessing-Museum wird derzeit umgebaut, erweitert und modernisiert, damit es im Jahr 2027 in alter-neuer Frische wieder seine Besucher begrüßen kann. Bei einem Bau schaut man ja eigentlich nach vorn auf den Baufortschritt. Doch vor einigen Wochen erreichte uns eine Botschaft aus der Vergangenheit, die ein Fenster ins Gestern öffnete. Beim Rückbau einer Trennwand durch die beauftragte Baufirma kam eine Flaschenpost zum Vorschein. Im Inneren eine geheimnisvoll anmutende Botschaft. Alle waren gespannt.
Foto Carsta Off
Drei Maurer teilten ihren unbekannten Adressaten in einer anderen Zeit auf einem Briefbogen des Lessing-Museums in gestochener deutscher Schrift Folgendes mit: „Tür und Fenster mauerten in mühseliger Kleinarbeit im Schweiße ihres Angesichts zu die drei Laien im Maurerhandwerk … („Polier“), … … („Gehilfen“)! Die Arbeit wurde nach unserem Feierabend erledigt um dem Lessingmuseum zu schönerem Aussehen zu verhelfen! Kamenz, im August/September 1976“
Der Brief ließ längst vergangenen Alltag lebendig werden, erzählte vom Engagement für das Lessing-Museum und ebenso von den damaligen Arbeitsstrukturen. Bei den drei Laien handelte es sich um eine „Feierabendbrigade“. Solche Brigaden von Handwerkern in der Freizeit oder eben geschickten Laien ermöglichten es, zum Teil Lücken zu schließen, die der drastische Handwerkermangel damals hinterließ. Es mag Zufall sein, dass die Flasche des damals besonders begehrten Radebergers aus ihrer Dunkelheit nun gerade nach fast 50 Jahren ihre Empfänger erreichte.
Foto Carsta Off
In einem Literaturmuseum ist solche eine Botschaft über die Zeiten nun genau am richtigen Ort. Sie wird ihren festen Platz in der Sammlung des Lessing-Museums finden.
Der Sommer 1976, als der Brief geschrieben wurde, war von sengender Hitze in Europa geprägt. In diesen Wochen fanden Jugendproteste in Altenburg satt. In Uganda wurden 102 Geiseln durch israelische Spezialkräfte aus der Gewalt von Terroristen befreit, hochgiftiges Dioxin löste im italienischen Seveso eine Umweltkatastrophe aus. Das Segelschulschiff der GST nahm Kurs auf Leningrad und in Wien stürzte die Reichsbrücke ein. Jürgen Drews hatte sein Bett im Kornfeld aufgestellt und die Puhdys spielten „Lebenszeit“. Die Fußballnationalmannschaft der DDR feierte ihren Olympiasieg, und die Kamenzer Stadtverordnetenversammlung befasste sich im August u. a. mit dem Wettbewerb „Schöner unsere Städte und Gemeinden“ …

