Nachteule Noa und die Nacht der Kirchen und Museen

Eine kleine Rückschau

Hallo, liebe Kamenzerinnen und Kamenzer,

im Moment genieße ich die milden und recht ruhigen Frühlingsnächte. Ich wollte Euch aber noch erzählen, wie es am 9. Mai rundging. Da habe ich nämlich die Kamenzer Nacht der Kirchen und Museen erlebt. Beinahe hätte ich den Abend auf meinem Eulenfelsen vergessen, weil es im letzten Jahr so etwas wegen der vielen anderen Feierlichkeiten ja nicht gab. Doch zu überhören oder zu übersehen war das Ganze nicht, an mehreren Stellen erklang tolle Musik und einige Gassen waren später wieder wunderschön mit Windlichtern illuminiert.

So habe ich mich also, mit zwei Mäusen als Verpflegung im Gepäck, auf meine Flugroute gemacht, um mir das Treiben mal näher zu besehen. Dabei musste ich auch schauen, wer so unterwegs war. Fast 450 Leute konnte ich zählen, die sich auf die Socken gemacht haben. Socken, Menschen erfinden manchmal komische Dinge …

Auf dem kürzesten Weg flog ich gleich zur katholischen Pfarrkirche St. Maria Magdalena und lauschte den meditativen Gesängen aus Taizé. Später war ich noch bei einer Führung von Jörg Bäuerle in die Innenstadt dabei. Was der alles zur Kamenzer Geschichte und längst verschwundenen Orten weiß, da kann man nur mit den Flügeln schlackern.

Als nächstes bin ich dann am Tankstellenmuseum der Familie Berger angekommen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es dort die umfangreichste Sammlung historischer Tanksäulen in Deutschland gibt. Früher musste man das Benzin ja noch selber pumpen! (Heute muss man sich Geld pumpen, um tanken zu können.) Ich konnte das Benzin förmlich riechen, obwohl alles blitzblank gewesen ist. War wohl Einbildung! Ich staunte jedenfalls, mit wieviel Zeit, Geld und Spezialwissen sich auch Private für eine besondere und abwechslungsreiche Museumslandschaft engagieren.

Dann bin ich mal zum Lessing-Museum geflogen. Dort wird wohl nichts los sein – dachte ich – weil da gebaut wird. Bis vor kurzem musste man noch um einen Kran rumkurven. Fand ich als Eule kreuzgefährlich. Doch dann war ich überrascht. Die leitende Architektin Katrin Leers-Kulka hat für die Neugierigen eine Baustellenführung gemacht. Das wird eine schmucke Museumshöhle mit einem Supersonderausstellungsbereich, sag ich euch.

Als nächstes im Kurzstreckenflug zur Klosterkirche und dem Sakralmuseum St. Annen. Da konnte ich gerade noch den letzten Orgelklängen auf der Mende-Orgel lauschen. Meine ohnehin scharfen Augen habe ich aufgerissen, weil Johannes Schwabe die Reste des Wandbildes an der Südseite der Kirche in meiner Fantasie wieder zu einem Ganzen erstehen ließ.

Wieder ab in die Lüfte, eine Runde über die Stadt und Richtung St.-Just-Kirche. Doch was war das? Auf der Schillerpromenade kleine Leute mit roten Zipfelmützen. Das waren die Zwerge aus „Schneewittchen“. Madame Rosa hat das Märchen während einer Theaterwanderung mit Kindern erzählt und gespielt. Tolle Idee! Nachdem ich einen Blick in die Ausstellung des DADA-Zentrums geworfen hatte, war ich ja völlig hin und weg. Dort konnte man mein Ebenbild finden und verzieren. Das hat meinem Selbstbewusstsein geschmeichelt. (Am besten habe ich mir mit Brille und Buch gefallen.) Danke Martina!

Nun aber endlich zur St.-Just-Kirche: Sylke Kaufmann hat dort Wandmalereien erklärt, die bereits um 1400 entstanden waren. Wisst ihr wie viele Eulengenerationen das sind? Die Engel fand ich am interessantesten, weil die auch Flügel haben. Manche Szenen sind jedoch echt geheimnisvoll. Bei einem kurzen Abstecher in die Hauptkirche St. Marien hatte ich ja schon der Kanzelführung von Pfarrer Krönert gelauscht. Faszinierend, welche Geschichten und Bedeutungen sich hinter den Malereien verbergen.

Anschließend genoss ich die Stille in der Katechismuskirche und dachte über die Gebetstexte für den Frieden nach. Dann war ich plötzlich nicht mehr allein. Alexander Przyborowski, Thomas Hein und Lisa Polei luden zur Taschenlampenführung ein. Hoffentlich hat sich niemand gefürchtet, als beim Licht der Taschenlampe meine Augen funkelten.

Zum Taizé-Gebet und der Nachteulenandacht bin ich dann auf die Empore von St. Marien geflogen und habe zugehört, nachdem ich dreimal den Turm umrundete, leider etwas im Zickzack, weil ich vom Glockenwein genascht hatte. Im Pichschuppen ging es recht martialisch zu. Dort lagerten die Oberlausitzer Landsknechte. Ich konnte mir anschließend gut vorstellen, wie rau es während des Dreißigjährigen Krieges zuging. Die 117 Stufen zur Plattform des Roten Turmes ersparte ich mir allerdings, den eroberte ich gleich im Landeanflug.

Im Malzhauskeller konnte ich erfahren, dass es die Adventisten als christliche Freikirche in Deutschland schon 150 Jahre gibt. Den vegetarischen Imbiss fand ich wunderbar. (Da habe ich meine Mäuse gar nicht gebraucht.) Vom heruntergefallenen flauschigen Bastelmaterial habe ich gleich etwas für meine Höhle mitgenommen. Aber keinem verraten!

Ich hatte manches Mal schon überlegt, woher die Menschen ihr Wissen aus der Vergangenheit überhaupt haben. Angesichts all der schriftlichen Urkunden und anderer Überlieferungen, die im Stadtarchiv verwahrt werden, ist es mir klargeworden. Gut, dass es so etwas gibt, dachte ich nach meinem Besuch bei Thomas Binder im Rathaus.Als ich an der „Museumsinsel“ von Malzhaus und Museum der Westlausitz angekommen war, wusste ich gar nicht, wohin ich mich als nächstes wenden sollte.

Richtig Klasse fand ich ja Möglichkeit, bei Ragnit Michalicka Spiele aus längst vergangenen Zeiten auszuprobieren. Ob da mancher im Anschluss gleich seine Spielekonsole weggeschmissen hat? Kurz vor Mitternacht habe ich noch in eine Lesung von Texten hineingehört, die im Umfeld des schlimmen Stadtbrandes von 1842 entstanden waren. Da wurde mir echt heiß ums Gefieder.

Rund ging es natürlich auch im Elementarium. Die Mitmachstation Fotoarchiv gefiel mir gut. Ich war jedoch schnell durch, weil ich keine Eulen fand. Bei der Führung durch die dunklen Gassen von Kamenz war es etwas gruselig für die Teilnehmer. Ich war natürlich mit meinen Super-Eulenaugen ganz in meinem Element. Es gab auch eine Führung im Sammelsurium. Bei den vielen ausgestopften Vögeln wurde mir etwas mulmig. Ich weiß noch nicht, ob ich mal so enden will.Großartig fand ich die Eröffnung der Ausstellung mit Gemälden von Stephan Popella mit Friederike Koch-Heinrichs. Dort haben meine scharfen Augen dann sogar das Kamenzer Stadtoberhaupt erspäht.

Fast fotorealistisch gemalt sind Popellas Bilder, meist Szenen des Alltags, doch beim genauen Hinschauen macht man Entdeckungen, die einen erschaudern lassen. Unbedingt ansehen! Und gleich über die Straße ging es spannend weiter. Im Stadttheater waren das Lessing-Museum und die Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption zu Gast und vom Duo WunderWelt gab es super Lieder auf die Ohren. Mir hat dort die Mikroausstellung mit Bühnenbildmodellen gefallen.

In drei Lesungen wurde an runde Geburts- oder Todestage von Dichterinnen und Dichtern erinnert. Die Texte von Ingeborg Bachmann lasen drei Herren. Mann oh Mann! Alles habe ich trotz Schnellflug auch nicht mitbekommen. Auf meinem Eulenfelsen bin ich wegen der vielen Eindrücke erst einmal gar nicht zur Ruhe gekommen. Ich freue mich aber schon auf das nächste Mal.

Nochmal ein herzliches Dankeschön an alle, die zum Gelingen dieser wunderbaren Kamenzer Nacht der Kirchen und Museen beigetragen haben und natürlich auch an alle interessierten Besucherinnen und Besucher.

Eure Nachteule Noa

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